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Hyde Park: Nach wie vor PromenadeWie schon vor mehr als 100 Jahren ist der Hyde Park auch heute noch eine Promenade, die ihresgleichen sucht. Die Bewohner von London stolzieren nach wie vor die ansonsten von Eichhörnchen bewohnten Wege auf und ab.
Radio City Music HallNew York vibriert für die Gäste aus Europa noch immer in einer schier unerfassbaren Form. Diesen Eindruck hatte aber schon der junge Stefan Zweig vor rund 100 Jahren.
An den Wolken kratzen......war wohl einer der Träume der Architekten, die New York zu dem gemacht haben, was es heute ist: Eine Metropole die nach wie vor Maßstäbe vorgibt. Das Flat Iron Building beeindruckt nach wie vor in seiner Eleganz.
Multikulti-SchmelztiegelWo Kulturen zusammenkommen, da entsteht Neues. New York ist seit seit vielen Jahren Schmelztiegel, Ideenpool und Treffpunkt verschiedenster Kulturen. Egal ob man zu Stefan Zweigs Lebzeiten oder im 21. Jahrhundert dort hin reiste: Der Multi-Kulti-Mix ist beinahe einzigartig.
Italo-Feeling in New YorkDass die Italiener gern ihr eigenes Ding machen ist längst bekannt - und zwar nicht nur was Küchenkreationen anbelangt. Heute wie damals ist Little Italy Anziehungspunkt für Besucher und New Yorker gleichermaßen.
VibrierendWahrscheinlich spürt man das Vibrieren von New York nirgendwo besser, als auf der Brooklyn Bridge. Dort tastet man sich mit allen Sinnen von Brooklyn in das Herz der Metropole: Manhattan. Und spürt - wie einst schon Stefan Zweig- den rasenden Puls der Stadt.
Magisches MonserratWer dem pulsierenden Barcelona entkommen will, dem sei ein Ausflug in die Berge nahegelagt, genauer gesagt zum Kloster von Monserrat. Da hatte auch schon Stefan Zweig einiges dazu zu sagen.
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Auf Reisen mit Stefan Zweig – und wie sich seine Wanderlust 100 Jahre später anfühlt

Schon früh war der österreichische Schriftsteller und schlussendlich Weltbürger auf Reisen.

von

Montserrat 1905

Aus sanften Hügelwellen steigt man zu sonderbarer Landschaft empor, unruhig und gleichsam erwartungvoll bäumt sich die lehmige Erde. Und mit einem Male steigen heroisch aus den Nebeln der Frühe die grauen Schroffen einer Riesenburg, gigantischer Granit, geformt aus zerklüfteten Türmen, jähe und schreckhafte Größe inmitten des geruhigen Landes. Wie von einem starken Willen scheint dieses Massiv mit seinen schwarzen, deutsamen Formen in das Land gestellt, Wächter eines großen Werkes, zauberischer und unbekannter Zweck. [...]  Noch höher, an die steilste aller Kuppen gelehnt ist die kleine Abtei San Jeronimo, eine entzückende Einsiedelei, lieblich, schlicht und unvergleichlich im Ausblicke über das ganze Land.

(Aus Stefan Zweig, Auf Reisen , S. 39 ff, erschienen im Fischer Verlag)

 

Barcelona 2005

Als gelungene Abwechslung zum zweiwöchigen Sprachaufenthalt sehe ich den Ausflug der von der Sprachschule angeboten wird: An einem Tag besucht man das katalonische Hinterland samt Cava-Produzenten Freixenet und Kloster Montserrat, das mir zu dem Zeitpunkt des Buchens gar nichts sagt. Etwas erheitert entschwinden wir den Kellnereien in die luftigen Höhen der Berge. Wie ein enormer Termitenhügel wirkt die sandfarbene Felsformation auf mich. Nachdem der Bus auf den Berg geklettert ist und ein Funicular den Rest erledigt hat, befinde ich mich unter einer nie geahnten Masse an Touristen, die das Kloster scheinbar auf Herz und Nieren prüft. Ich bin froh, vom Trubel wegzukommen, als ich mich auf den Weg zur kleinen Kapelle San Jeronimo begebe, die etwa eine halbe Stunde zu Fuß vom Kloster entfernt ist. Auf dem Weg kommen wir „Mini-Pilger“ aus dem Staunen nicht mehr heraus, die über 700 Meter über dem Meer merkt man hier mehr denn je, denn nach jeder Biegung des Weges eröffnen sich neue, atemberaubende Blicke aufs Land. Die Kirche selbst beherbert eine Ansammlung aus typisch spanischen Dankesschreiben und Kitsch, den die Menschen aus Dankbarkeit hier ließen. Ich bin froh, mich wieder auf dem Weg zurück zu befinden, der eindeutig schönste Teil dieses Ausfluges – neben dem Freixenet Exkurs.

 

Brügge 1904

Und keine Stadt gibt es wohl, die die Tragik des Todes und des noch mehr Furchtbaren, des Sterbens, mit so zwingender Kraft in ein Symbol gepreßt hat, wie Brügge. Dies fühlt man so ganz in den Halbklästern, den Beguinagen, dahin viele alte Leute sterben gehen, denn was einen die herben Konturen der Straßen am Abend nur ahnen lassen, das zeichnet sich hier in müden, stumpfen, vom Widerglanz des Lebens nur matt erhellten Blicke: daß es ein Leben ohne Hoffnung und Sicht in die Ferne gibt, ganz versunken in gleichgültiges Zurückstarren zur Vergangeheit. [...] Lieblich und leblos mutet dieses Schachtelwerk getürmter Häuser und runder Klöster an, geschickt untermischt mit kleinen Bezirken grünüppiger Gärten und breiter Alleen, die allmählich hineinführen ins blühende flandrische Land, darin schon die großen Mühlen – der holländischen Landschaft unentbehrliches Requisit – mit wirbelnden Flügeln stehen. Aber auch von dieser Höhe, die das Spielerische und Ziervolle der Stadt hervorhebt, kann man nicht die tragische Gebärde übersehen, die einen die stumme Traurigkeitder Straßen verstehen läßt. Das ist jener sehnsüchtige zum fernen Meere ausgestreckte Arm, der breite Kanal, mit dem der versandete Hafen die segenbringende Flut zu erreichen strebt. Die tragische Geschichte Brügges fällt einem ein: die blühende Jugend, da alle Reeder hier ihre Kontore hatten, Hunderte bewimpelte Schiffe den Hafen durchsegelten, da Könige demütige mit den Schöffen verhandelten und Königinnen, heimlichen Neides voll, die prunkvollen Gwandungen der Bürgerinnen bestaunten.

(Aus Stefan Zweig, Auf Reisen , S. 25 ff, erschienen im Fischer Verlag)

 

Brügge 2011

Endlich schaffe ich es, dem regnerischen Brüssel zu entkommen. Eine Stunde Zugfahrt mit ständiger Bedrohung eines Taschendiebes später finde ich mich in Brügge wieder. Der Regen prasselt nun schon, zum Glück habe ich eine Kapuze. Selbst durch den Schleier des Grauselwetters erkenne ich eine lebhafte kleine Stadt, die es geschafft hat, ihren lieblichen, mittelalterlichen Chique zu bewahren. Brasserien, gemütliche Cafés und das pulsierende Leben trotz feuchter Stimmung führen mich auf den Grote Markt, den ich vielleicht nur mit der Schönheit der Plaza Mayor in Salamanca vergleichen würde. Brügge ist ein Bild einer Stadt – der Film „Brügge sehen... und sterben? “ kommt mir in den Sinn und irgendwie verstehe ich den Titel nun besser. Als ich durch die schmalen Gassen, an den Kanälen vorbeispaziere wird mir auch der Spitzname „Venedig des Nordens“ immer klarer. Stutzig bleibe ich vor dem „Friet Museum“ stehen. Pommes im Museum kommen mir auf meinen zahlreichen Reisen doch tatsächlich zum ersten Mal unter – das zeugt wohl von Essenskultur oder eben dem genauen Gegenteil. Ich fahre erfrischt von diesem Kleinod an radfahrbegeisterten Belgiern in den Süden zurück, bis mich Brüssel wieder schluckt.

 

Hydepark 1906

Der Hydepark Londons, wohl der seltsamste aller Großstadtparke, ist im eigentlichen Sinne nicht schön. Ihm fehlt fast alles, was den Garten zum Kunstwerk macht. Er ist flach, arm, eine englische Heide, nur an den Pforten ein wenig als Garten hergerichtet. [...] Atmende Stille, kaum ab und zu ein paar Leute. Nur weidende Hammelherden, die käuend das Gras rupfen. Man vergißt für den Augenblick an alles, so still ist es rings. Wo mag man sein? Ist dies die Lüneburger Heide, die vielberühmte? Oder Cornwall, Herrn Tristans dunkles Land, und wird nicht plötzlich die traurige Weise des Schäfers anheben? Wuchtig packt einen dann der Gedanke an, daß diese grauen Ballen am Rand, daß diese weichen Grenzen der Ferne ungeheure Häuserblöcke sind, daß diese weite stille Heide rechts und links von Städten umgürtet ist, jede so groß wie Mailand oder Lyon oder Marseille.  Von diesen Riesenstädten, die alle in die zwei Silben London eingeschlossen sind.

(Aus Stefan Zweig, Auf Reisen, S. 73 erschienen im Fischer Verlag)

 

Hyde Park 2009

Eigentlich wollte ich etwas von der Schnelllebigkeit der Stadt entspannen. Der Markt an der Brick Lane hatte an diesem Sonntag wohl einige Dezibel zu viel für mich, da sah ich den einzigen Ausweg in der grünen Lunge der Stadt: Dem Hydepark. Doch schon in der Tube-Station weiß ich, dass ich nicht die Einzige bin, die an diesem Augusttag zum Entschluss gekommen ist, hierher zu kommen. Kinder mit knalligen Hello-Kitty-Luftballons und Erwachsene, die vollbepackt mit Camping- und Sportausrüstung gen Grün gehen. Ich bereue meine Entscheidung, hierher gekommen zu sein aber nicht, schließlich saugen die enormen Bäume den Stadtlärm in sich auf und ermöglichen, wenn nicht ein Bad in vollkommener Stille, dann wenigstens ein Gewimmel in fröhlichem Menschenpegel. An einem See, an dem die Boote an mir vorbeigleiten, lasse ich mich nieder, gönne mir eine Packung Balsamico-Crisps und blicke auf ein Schauspiel, das selbst Shakespeare nicht lebhafter hätte beschreiben können. Die Welt ist eine Bühne – das merkt man wohl nirgendwo so eindrucksvoll wie im sommerlichen Hyde Park.

 

New York 1911

Ein paar Tage erst in dieser verwirrenden, durch ihre fremdartige Vielfalt gleichzeitig erschreckenden und anziehenden Stadt. Nicht genug, um sie ganz zu begreifen, sie, die hundert Sprachen spricht, die Menschen zweier Erdteile zum erstenmal gegeneinander schleudert, Elend und Reichtum zu einem nie dagewesenen Gegensatz auseinanderreißt. Noch verstehe ich ihre Stimme nicht, ahne kaum ihre Formen, aber schon fühle ich, und in jeder wachen Sekunde deutlicher, ihren Rhythmus, diesen unwiderstehlichen, stürmisch erregten Rhythmus der amerikanischen Metropolis.

(Aus Stefan Zweig, Auf Reisen, S. 135 ff erschienen im Fischer Verlag)

 

New York 2010

Den ganzen Tag bin ich jetzt schon durch die Straßenschluchten Manhattans geirrt. Hier ist so viel Leben und ich möchte es in mir aufsaugen, denn morgen geht es wieder in die ruhige, vertraute Heimat. So viele Kulturen, so viele Geschmäcker, alle vereint in einem Schmelztiegel, der mir die fernsten Gerüche in die Nase steigen lässt. Ich komme nicht umhin, mir zu jedem Augenpaar, das mich anblickt, eine Geschichte auszureimen. Woher kamen seine Vorfahren? Warum mussten sie ihre Heimat verlassen? Wie erging es ihnen als sie zum ersten Mal hierher kamen? Konnten sie den Puls dieses riesigen Molochs auch spüren, so wie ich? Zum Abschluss noch ein Spaziergang über die Brooklyn Bridge, deren Bau über zwanzig Menschenleben forderte. Ein Opfer für die Infrastruktur. Die Streets und Avenues sind heute die Lebensadern der Metropole und auf der Brooklyn Bridge spürt man, was für ein Gewicht sie im Laufe eines Tages zu tragen haben. Die Sonne geht unter, die Lichter der Stadt gehen an. New York braucht keinen Sternenhimmel: Es hat sich selbst seinen eigenen erzeugt. Ich lege meine Hand auf die Stahlkonstruktion und spüre zum vorerst letzten Mal das elektrische Vibrieren dieser faszinierenden Stadt.

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